Eigentlich bin ich in der Evangeliumsgemeinde nur Gast. Umso kurioser ist es, dass ausgerechnet ich eure Predigserie „Grenzenlose Freiheit?“ im September eröffnen und jetzt im Oktober auch wieder abschließen durfte: Anfang und Ende aus der Hand eines Besuchers. Gerade als Gast merkt man oft, wie viele Fragen man sich in einem neuen Umfeld macht: Wie verhalte ich mich hier? Bin ich gleich ich selbst oder beobachte ich lieber erst einmal? Wie frei bin ich eigentlich? Und genau darum ging es im Grunde auch in eurer Predigtserie …
Freiheit, die auch Grenzen kennt
Sechs Predigten lang sind wir durch 1. Korinther 8 bis 10 gegangen. In Kapitel 8 haben wir gesehen, dass Erkenntnis ohne Liebe aufbläht und Liebe aufbaut. In Kapitel 9 zeigt Paulus an seinem eigenen Leben, was es heißt, auf Rechte zu verzichten, damit Menschen Jesus kennenlernen. In Kapitel 10 ging es um Götzendienst und Selbstüberschätzung: Gottes Gnade ist kein Freibrief.
Grenzenlose Freiheit? Wie lautet nun die Antwort auf diese Frage? Nein. Unsere Freiheit ist nicht grenzenlos. Die Treue zu Christus setzt die Grenzen, die Liebe zum Nächsten gibt die Richtung, die Ehre Gottes zeigt das Ziel. Nicht umsonst schreibt Paulus dazu auch im Galaterbrief, dass wir zur Freiheit berufen sind und einander durch die Liebe dienen sollen (Galater 5,13).
Ein Zug wird nicht freier, wenn er seine Gleise verlässt. Er verliert die Richtung, für die er gebaut wurde. Ein Fluss wird ohne Ufer nicht mächtiger, sondern zum Hochwasser. Gottes gute Grenzen nehmen uns nicht die Freude am Leben. Sie helfen uns, in der Freiheit zu leben, zu der Christus uns befreit hat.
Freiheit, die eine Richtung hat
Gute Grenzen zu kennen heißt aber noch nicht, sie aus eigener Kraft halten zu können. Darum soll niemand den Eindruck bekommen, er müsse ab jetzt „einfach nur richtiger handeln“. Denn keiner hat immer den eigenen Vorteil zurückgestellt. Wir alle haben unsere Freiheit oft egoistisch gebraucht. Wir alle haben andere verletzt. Wir haben aus Angst geschwiegen oder aus Stolz auf unser Recht bestanden. Unsere Hoffnung liegt nicht darin, dass wir ab jetzt alles richtig machen, weil wir sechs Predigten lang über Freiheit nachgedacht haben. Wir brauchen keinen besseren Kompass, Wir brauchen einen Retter. Unsere Hoffnung liegt in Jesus Christus selbst. Am Kreuz hat Jesus unsere Schuld getragen. Er ist auferstanden, damit wir neues Leben haben. Unsere Freiheit hat eine Richtung – auf Jesus hin. Seine Gnade hat keine Grenzen. Und auf ihr dürfen wir befreit leben.
Was heißt das dann konkret für meine Freiheit? 1. Korinther 8-10 liefert uns keine Liste zum Abhaken, aber ein paar gute Fragen: Baut das, was ich tue, jemanden auf? Nehme ich mein Gegenüber überhaupt wahr – in der WG, im Büro, in der Familie? Manchmal führen diese Fragen dazu, dass ich etwas sein lasse, das mir eigentlich zusteht. Verzicht ist dabei nicht das Gegenteil von Freiheit. Manchmal ist er ihr deutlichster Ausdruck.
Darum lautet die Frage am Ende nicht „Was darf ich?“, sondern: Wie kann ich mit der Freiheit, die Christus mir geschenkt hat, Gott ehren und meinem Nächsten dienen? Nehmen wir uns das mit, wenn wir an unsere Freiheit denken – nicht als nächsten Task, sondern als ganz grundsätzliche Haltung, wie wir durchs Leben gehen.
Cover-Foto von Todd Trapani via Unsplash mit KI bearbeitet
Christopher